„Die Tragik der Al(l)mende“?

In einem Kommentar verweist Andreas auf einen Beitrag von G. Hardin mit dem Titel „The Tragedy of the Commons“, der mit „Die Tragik der Allmende“ übersetzt wird.   

Grundsätzlich läßt sich zu diesem Artikel sagen, daß er keine Fakten sondern eine Ideologie transportiert, die, auch wenn sie allgemein akzeptiert wird, eben eine Anschauung, eine Idee bleibt und keine Tatsache ist, auch wenn sie sich als solche verkleidet.
Der Artikel geht einerseits, wie so viele Beiträge zu Wirtschafts-, aber leider auch zunehmend zu Sozialthemen, vom „Homo oeconomicus“, dem streng rational vorgehenden, kurzfristig denkenden, nur den eigenen Profit maximierenden Menschen und von der Verherrlichung des Privateigentums aus, andererseits bleibt er eine Definition, was unter „Commons (Allmende)“ zu verstehen sei, schuldig.

„Commons (Allmende)“ wird in dem Artikel anstatt mit „Etwas, das allen (genauer gesagt mehreren) gehört“, mit „Etwas, das niemandem gehört“ verwechselt. In unserer Begriffsdefinition von Almende wird deutlich festgehalten, daß sich das Eigentum/Nutzungsrecht in der Hand einer begrenzten Anzahl von Menschen, den Gemeindemitgliedern (o. ä.) befindet, was unscharf mit „allen“ beschrieben wird. Davon unterscheidet sich sehr deutlich folgende Definition von P. A. Samuelson & W. D. Nordhaus, die in ihrem volkswirtschaftlichen Standardwerk „Economics“ schreiben

„Many of our natural resources are owned by no one. Such resources are common property resources […].“ 

Nur, das hat mit dem grundlegenden Konzept der „Commons (Allmende)“ nichts zu tun. Da werden Birnen mit Äpfeln verwechselt oder zumindest vermischt. Das hält auch V. Grassmuck in einem Beitrag Die Wissens-Allmende fest

„Hardin geht dabei nicht von der klassischen Allmende, wie sie in Europa bis ins Mittelalter üblich war, aus, die ohne Selbstbeschränkungsmechnismen natürlich keinen Bestand gehabt hätte […]“ 

Was den ersten Kritikpunkt, der Verherrlichung des Privateigentums als Lösung sämtlicher Probleme, betrifft, läßt G. Hardin die Maske sehr deutlich fallen, wenn er schreibt

„The tragedy of the commons as a food basket is averted by privat property, or something formally like it.“ 

Eine Erklärung dieser Aussage, bleibt uns Hardin jedoch schuldig. Aber gehen wir zu seinem oft zitierten Beispiel der Übernutzung einer „allen zugänglichen Weide“ zurück. Dort unterstellt er jedem Nutzer, daß diese nur den kurzfristigen Mehrertrag, aber nicht den langfristigen Ruin erkennen können und diese allgemeine Unterstellung von Dummheit, offenbart mehr die Geisteshaltung des Autors, als die realen Verhältnisse.
Tatsächlich gibt es weltweit funktionierende Agrargenossenschaften, Kooperativen oder ähnliche gemeinschaftliche Nutzungsformen, die zwar nicht ein Maximum an produzierten Gütern hervorbringen, sich aber durch eine hohe soziale Stabilität und Ausgeglichenheit auszeichnen. Das Überleben aller ist zuungunsten einer hemmungslosen Bereicherung weniger als wesentlich wichtiger erkannt worden.
Doch G. Hardins fundamentale Abneigung gegen gesellschaftlichen Besitz sitzt tief und zeigt sich in den absolut nicht wertneutralen Formulierungen

„[…] the commons, if justifiable at all […]“, oder
„[…] the evils of the commons […]“ 

Dieser Polemik möchten wir eine kleine Randbemerkung von P. A. Samuelson & W. D. Nordhaus aus „Economics“ entgegenstellen

„Interestingly enough, most of society’s economic income cannot be turned into a commodity that is bought and sold as privat property.“ 

Wir sehen deshalb die „Tragik der Almende“ auch nicht als Mangel von gemeinschaftlich verwalteten Gütern o.ä., sondern als ein, dem übersteigerten Konzept des Privatbesitzes innewohnenden Versagens, das keinesfalls durch noch mehr Privatbesitz, sondern nur durch eine sich ergänzende Kombination von Einzel- und Gemeinschaftsbesitz behoben werden kann.

P.S:
Die extrem hohe Konzentration von Landbesitz in den Händen weniger zeigt nun sogar ein Bericht der Weltbank auf und empfiehlt dringend Reformen und zu welchen Auswüchsen der gegenwärtige Kreuzzug der Privatbesitz-Propheten führt, zeigen die Erfahrungen mit Kapitel 11 von NAFTA.

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Eine Antwort zu „Die Tragik der Al(l)mende“?

  1. balou schreibt:

    Sehr guter und erklärender Artikel wobei ich allerdings befürchte, dass er wieder nur von den „üblich Verdächtigen“ gelesen wird. Muss zu meiner Schande eingestehen, dass mir Hardins „The Tragedy of the Commons“ nicht bekannt war. Die beiden links am Ende des Artikels kommen zur richtigen Zeit. Vielen Dank und schönen Abend. balou

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