Unvermittelt in der Vergangenheit – ein Besuch des alten israelitischen Teils des Wiener Zentralfriedhofs

Fakten sagen manchmal viel und manchmal herzlich wenig aus.

Die Greueltaten, die Menschen während des nationalsozialistischen Regimes zu verantworten haben, sind heute hinlänglich bekannt. Zahlen über Zahlen werden in Büchern, Ausstellungen und Vorträgen angeführt, sind vielstellig und damit beeindruckend. Doch für mich blieben sie immer unbegreiflich und damit leer.
Ganz besonders der Aspekt der mit „Judenverfolgung“ nur höchst unzureichend beschrieben wird. Der Großteil der Spuren dieser Ereignisse ist getilgt – aus dem Stadtbild schon längst und auch das Land hat mittlerweile andere Sorgen.
Nun, über sechzig Jahre danach, verschwinden langsam auch alle Zeitzeugen, die, die uns auf die eine oder andere Weise mitteilen konnten, was sich ereignet hat. Geschichte kommt nun zunehmend aus zweiter Hand, doch hat sie damit etwas Konservenhaftes.
Was in jenen Jahren geschehen ist, war für mich immer fern, war immer eine Sache der Anderen. Selbst die alten Fotografien eines Halbbruders meines Vaters, aus dem Zweiten Weltkrieg, zuerst von der West- und danach, bis zu seinem „Verschwinden“, von der Ostfront, zeigen „nur“ immer grauenhaftere Bilder von einer fernen Front, von einem fernen Töten und Morden, dass sich in unbekannten Ländern zutrug.
Doch neben diesen Kriegsgeschehen gab es noch einen inneren Vernichtungsfeldzug, gegen einen Teil der eigenen Bevölkerung. Hauptbetroffen waren vor allem Juden, die ausgegrenzt, herabgewürdigt, erniedrigt und dann ohne Gewissensbisse ermordet wurden.
Was sich zugetragen hat bleibt für mich unvorstellbar, ist einfach nicht nachvollziehbar. Ich bin groß geworden in einem Land, das einen Teil der eigenen Bevölkerung verfolgt und ermordert hat. Die, die fehlen, waren mir nie bekannt, haben also für mich keine spürbaren Lücken hinterlassen. Eine Gedenktafel zur Erinnerung an eine ehemalige Synagoge in der Nähe meiner Wohnung ist alles, was zurückgeblieben ist.
Umso eindrucksvoller war für mich der ungeplante Besuch des alten israelitischen Teils des Wiener Zentralfriedhofes. Endlose Reihen von unbetreuten Gräbern, von Zeugnissen mannigfachen Lebens, das keine Fortsetzung mehr fand.
Unübersehbar die Zahl von Familiengeschichten, von Lebenssträngen, von Schicksalen die mit einem Schlag beendet wurden. Keine sichtbare Katastrophe, kein wahrnehmbares Unglück, keine Daten die erklären würden, keine erinnernden Besuche, kein Leid, kein Elend – nur endloses Schweigen, verstummtes, verlorengegangenes Sein. Wieviele Träume und Hoffnungen wurden hier zu Grabe getragen, wieviele Schmerzen und wieviel Trauer hat sich eingestellt – doch wer kommt sich daran zu erinnern?
Nicht vergessen, nicht entledigt, denn dazu bräuchte es jemanden – eine unfassbare Leere bemächtigt sich der Gedanken, der Gefühle und suchend geht man zwischen den Reihen dahin. Irgendwo muss doch ein Hoffnungsschimmer zu sehen sein – doch vergeblich.
Der Schrecken ist nirgendwo vermerkt, und doch allgegenwärtig.
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